Die Beziehung zwischen dem Menschen und potenziell abhängig machenden Substanzen ist komplex und hat sowohl positive als auch negative Seiten. Viele Substanzen, die heute als schädlich gelten, wurden von Gemeinschaften auf der ganzen Welt zu medizinischen Zwecken ebenso wie für Riten und Traditionen genutzt. Dieselben Substanzen wurden jedoch auch auf der Suche nach Genuss oder Flucht aus dem Alltag konsumiert und besitzen meist pharmakologische Eigenschaften, die eine Abhängigkeit erzeugen können. Sucht gilt als chronisches Leiden, das durch zwanghaftes Verlangen (Craving), exzessives Verhalten bei der Beschaffung von Drogen und Entzugssymptome beim Ausbleiben der Substanz gekennzeichnet ist. In der Clínica Synaptica in Barcelona (Spanien) beschäftigen wir uns intensiv mit neuen Behandlungsansätzen für Abhängigkeitserkrankungen.
Manche betrachten Sucht nicht als Krankheit(1) und argumentieren unter anderem, diese Definition sei angesichts der vielen sozialen, kulturellen und psychologischen Faktoren, die sie umgeben, zu reduktionistisch. Doch auch wenn die begriffliche Definition von Sucht umstritten sein mag, ist es wichtig anzuerkennen, dass sie nicht einfach eine Entscheidung ist. Verschiedene Studien haben gezeigt, welche Auswirkungen eine Sucht auf das Gehirn haben kann. So wurde beispielsweise festgestellt, dass der präfrontale Kortex – eine Region, die eng mit der Entscheidungsfindung verbunden ist – durch Drogenkonsum beeinträchtigt wird(2) und einer der Hauptgründe für den Kontrollverlust bei Menschen mit einer Sucht sein kann. Sucht kann der Familie, der betroffenen Person und der Gesellschaft insgesamt großen Schaden zufügen. So ist Alkoholkonsum für mehr als 5 % der weltweiten Krankheits- und Verletzungslast verantwortlich(3). Wir müssen weiter daran arbeiten, die Stigmatisierung von Sucht abzubauen und ein umfassenderes Verständnis dieses chronischen Leidens zu fördern.
Nicht alle Menschen haben die gleiche Anfälligkeit, eine Sucht zu entwickeln(4). Soziale und kulturelle Faktoren wie Gruppendruck oder fehlende wirtschaftliche Perspektiven können die Entstehung einer Sucht beeinflussen. Auch die Genetik kann bei der Anfälligkeit für Sucht eine wichtige Rolle spielen. Zudem wurde beobachtet, dass Traumata in der Kindheit, etwa körperliche oder emotionale Misshandlung, die Wahrscheinlichkeit einer Sucht im Erwachsenenalter erhöhen können. Solche Traumata können die Entwicklung von Hirnregionen beeinträchtigen, die für die Emotionsregulation und die Impulskontrolle wichtig sind, was wiederum das Risiko einer späteren Sucht erhöhen kann. Darüber hinaus wird in den letzten Jahren verstärkt zur Geschlechterperspektive in der Suchtforschung geforscht(5), und dabei wurden wichtige Unterschiede zwischen Frauen und Männern festgestellt. Bei Frauen schreitet die Sucht häufig schneller voran, und schwerwiegende Folgen treten häufiger auf. Das kann zum Teil an sozialen Faktoren liegen, etwa an einer stärkeren Stigmatisierung suchtkranker Frauen: Sie nehmen seltener die verfügbaren Behandlungen in Anspruch und erleiden häufiger Rückfälle.
Es gibt zahlreiche Behandlungen für Sucht, doch leider weist keine eine hohe Erfolgsquote auf. Nach Angaben der National Institutes of Health (NIH) liegt die Rückfallquote nach einer Behandlung zwischen 40 und 60 %(6). In Rehabilitationseinrichtungen kommen am häufigsten Verhaltenstherapien zum Einsatz, außerdem Gruppentherapien und Programme wie die Zwölf-Schritte-Programme. Letztlich haben Menschen, die eine Behandlung suchen, meist Erfolg (75 %), doch das kann viele Jahre dauern und damit viel Leid bedeuten. Sucht ist ein äußerst schwer zu überwindendes Leiden, das in der Regel ein langfristiges Engagement und die kontinuierliche Unterstützung von Freunden, Familie und Fachleuten erfordert.
Angesichts des unterschiedlichen und begrenzten Ansprechens werden neue Behandlungswege erforscht. Dazu gehört die Therapie mit psychedelischen Substanzen wie Ibogain oder Ketamin. Die vorhandene Evidenz zu Letzterem sehen wir uns im Folgenden genauer an.
Ketamin wirkt im Körper auf mehreren Wegen, von denen viele noch nicht gut verstanden sind. Man geht jedoch davon aus, dass Ketamin die Plastizität des Gehirns fördert, die bei Menschen mit Sucht häufig vermindert ist. Außerdem steigert es die Produktion des Wachstumsfaktors BDNF (brain-derived neurotrophic factor). Dieses Protein ist eng mit kognitiven Funktionen und der Neurogenese verbunden. Schließlich hat Ketamin bei der Behandlung von Depressionen und Angst eine große Wirkung gezeigt. Sucht tritt, wie viele andere Störungen, häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen wie der Depression auf; eine Linderung dieser Symptome kann daher die Genesung von der Sucht erleichtern.
Die Evidenz
In einer kürzlich veröffentlichten Studie führten Grabski und Kollegen (7) ein Interventionsprogramm mit Patientinnen und Patienten mit Alkoholabhängigkeit durch. Alle Teilnehmenden mussten vor Studienbeginn mindestens 24 Stunden abstinent gewesen sein. Sie erhielten drei Ketamininfusionen oder ein Placebo. Begleitend erhielten sie entweder eine psychologische Behandlung oder alternativ Aufklärungssitzungen über Alkoholabhängigkeit. Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass neben den chemischen und biologischen Wirkungen der Substanz im Körper auch das subjektive Erleben unter Ketamin die Umsetzung anderer Therapien wie Achtsamkeit erleichtern kann.
Nachuntersuchungen fanden nach 3 und 6 Monaten statt. Dabei zeigte sich, dass sich die Teilnehmenden mit psychologischer Therapie stärker verbesserten als diejenigen mit Aufklärungssitzungen, wobei dieser Unterschied nicht signifikant war. Die Zahl der abstinenten Tage war bei den Teilnehmenden mit Ketaminbehandlung sowohl nach 3 als auch nach 6 Monaten signifikant höher. Die Rückfallquote unterschied sich jedoch zwischen den Gruppen nicht. Dennoch ist diese Studie sehr vielversprechend für den Einsatz von Ketamin bei der Behandlung der Alkoholabhängigkeit. Mehr abstinente Tage sind von großer Bedeutung, da sie mehr Zeit für das Einüben neuer Techniken und für das Abklingen der körperlichen Entzugssymptome schaffen.
Darüber hinaus gibt es mehrere Studien, die Ketamin bei anderen Abhängigkeiten einsetzen und gute Ergebnisse zeigen: bei Kokainabhängigkeit (8) (hier zeigte sich nach den Ketaminsitzungen auch eine höhere Motivation, nicht zu konsumieren), bei Heroinabhängigkeit (9) und sogar bei Esssucht (10). Ein weiterer positiver Aspekt, den die Studien belegen, ist sein Nutzen bei der Reduktion des Opioidgebrauchs (11) bei Menschen mit chronischen Schmerzen ebenso wie bei Menschen mit einer Sucht. Der veränderte Bewusstseinszustand und die dissoziativen Effekte von Ketamin ermöglichen es, sich selbst und die eigenen Probleme aus anderen Perspektiven zu betrachten – und so die Möglichkeit eines Lebens ohne Konsum in den Blick zu nehmen.
Zusammenfassend deutet die aktuelle Evidenz darauf hin, dass Ketamin eine mögliche Behandlung von Sucht sein kann, auch wenn noch weitere Studien nötig sind, um geeignete Protokolle festzulegen und die Zielgruppe zu bestimmen. Ketamin kann nicht nur die Zahl der abstinenten Tage erhöhen; seine antidepressiven und therapeutischen Eigenschaften bieten zusätzlichen Nutzen, indem sie Symptome lindern und neuronale wie kognitive Veränderungen anstoßen.
Literatur
- García C. Der Trugschluss von der Sucht als Gehirnkrankheit [auf Spanisch; Internet]. lasDrogas.info. Mai 2017 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: https://lasdrogas.info/analisis/la-falacia-de-la-adiccion-como-enfermedad-cerebral/
- Méndez-Díaz Mónica, Romero Torres Brenda M., Cortés Morelos Jacqueline, Ruíz-Contreras Alejandra E., Prospéro García Oscar. Neurobiologie der Sucht [auf Spanisch]. Rev. Fac. Med. (México) [Internet]. Februar 2017 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: https://www.medigraphic.com/pdfs/facmed/un-2017/un171b.pdf
- WHO. Alkohol [Internet]. Mai 2022 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: https://www.who.int/es/news-room/fact-sheets/detail/alcohol
- Gual Antoni, Oliveras Salvá, López Hugo, Andreu Magalí, Graell Mireia, Barrio Pablo, Mondón Silvia. Ursachen von Suchterkrankungen [auf Spanisch]. PortalClínic [Internet]. Clínic Barcelona. Verfügbar unter: https://www.clinicbarcelona.org/asistencia/enfermedades/adicciones/causas-y-factores-de-riesgo
- Fonseca F, Robles-Martínez M, Tirado-Muñoz J, Alías-Ferri M, Mestre-Pintó JI, Coratu AM, Torrens M. A Gender Perspective of Addictive Disorders [Internet]. Februar 2021 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33614395/
- Miller, Jessica. “Addiction Recovery Statistics.” Addiction Help [Internet] 6 Mar. 2023 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: www.addictionhelp.com/recovery/statistics/
- Grabski, M., McAndrew, A., Lawn, W., Marsh, B., Raymen, L., Stevens, T., Hardy, L., Warren, F., Bloomfield, M., Borissova, A., Maschauer, E., Broomby, R., Price, R., Coathup, R., Gilhooly, D., Palmer, E., Gordon-Williams, R., Hill, R., Harris, J., Mollaahmetoglu, O. M., Morgan, C. Adjunctive Ketamine With Relapse Prevention-Based Psychological Therapy in the Treatment of Alcohol Use Disorder [Internet]. The American journal of psychiatry. 2022 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1176/appi.ajp.2021.21030277
- Dakwar, Elias, et al. “A Single Ketamine Infusion Combined with Mindfulness-Based Behavioral Modification to Treat Cocaine Dependence: A Randomized Clinical Trial.” American Journal of Psychiatry; November 2019 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1176/appi.ajp.2019.18101123
- Ezquerra-Romano, I., et al. “Ketamine for the Treatment of Addiction: Evidence and Potential Mechanisms.” Neuropharmacology, 2018 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29339294, https://doi.org/10.1016/j.neuropharm.2018.01.017
- Kolp, Eli, et al. “Ketamine Psychedelic Psychotherapy: Focus on Its Pharmacology, Phenomenology, and Clinical Applications.” International Journal of Transpersonal Studies, Juli 2014 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.24972/ijts.2014.33.2.84
- Lalanne, L., Nicot, C., Lang, JP. et al. Experience of the use of Ketamine to manage opioid withdrawal in an addicted woman: a case report. BMC Psychiatry. 2016 [zitiert am 22. März 2023]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1186/s12888-016-1112-2
Wenn Sie oder ein Mensch in Ihrem Umfeld mit einer Abhängigkeit kämpfen, prüfen wir in der Clínica Synaptica in Barcelona (Spanien) gemeinsam mit Ihnen, welche Behandlung in Ihrem Fall sinnvoll sein kann. Mehr über unsere Suchtbehandlung.



