Chronische Schmerzen werden im Allgemeinen als Schmerzen definiert, die länger als drei Monate anhalten; weltweit sind Millionen Menschen davon betroffen. Sie können in verschiedenen Formen auftreten, etwa als postoperative Schmerzen, Tumorschmerzen, orofaziale Schmerzen (im Bereich von Kopf und Mund) oder muskuloskelettale Schmerzen (an Knochen, Muskeln und Sehnen). Eine besonders schwer zu behandelnde Form ist der neuropathische Schmerz, der durch eine Schädigung oder Funktionsstörung des Nervensystems entsteht. Neuropathische Schmerzen äußern sich häufig als Brennen, Stechen oder elektrisierende Missempfindungen und können durch Erkrankungen wie Diabetes, Herpes zoster oder Nervenverletzungen verursacht werden. Anders als andere Schmerzarten sprechen sie schlecht auf Standardbehandlungen wie entzündungshemmende Mittel oder Opioide an. In der Clínica Synaptica in Barcelona (Spanien) beschäftigen wir uns daher intensiv mit neuen Behandlungsansätzen wie Ketamin.
Die Behandlung chronischer und insbesondere neuropathischer Schmerzen bleibt eine komplexe Herausforderung. Entzündungshemmende Medikamente wie Ibuprofen oder Aspirin können bei leichten Schmerzen helfen, bieten in schwereren Fällen jedoch nur begrenzte Linderung. Viele Patientinnen und Patienten sind auf stärkere Medikamente wie Opioide angewiesen, doch das Abhängigkeitsrisiko und weitere unerwünschte Nebenwirkungen machen diese Option alles andere als ideal. Viele Betroffene stehen damit vor einem Dilemma zwischen unwirksamen Behandlungen und riskanten Alternativen.
Ketamin: eine vielversprechende Option bei neuropathischen Schmerzen
Eine neue Option zur Behandlung chronischer und neuropathischer Schmerzen ist Ketamin, das traditionell als Anästhetikum eingesetzt wird. In den letzten Jahren hat Ketamin Aufmerksamkeit erlangt, weil es Patientinnen und Patienten mit therapierefraktären chronischen Schmerzen Linderung verschaffen kann. Sein Wirkmechanismus beruht auf der Blockade der N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptoren (NMDA) in Gehirn und Rückenmark, die an der Schmerzwahrnehmung und am Schmerzgedächtnis beteiligt sind.
Untersuchungen haben gezeigt, dass Ketamin wirksam ist, insbesondere wenn es in einem kontrollierten klinischen Umfeld angewendet wird. An einer Studie von Sigtermans und Kollegen nahmen 60 Menschen mit chronischen Schmerzen teil. Die Hälfte erhielt Ketamininfusionen, die andere Hälfte ein Placebo. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Wer Ketamin erhielt, erlebte in der ersten Woche eine deutliche Schmerzreduktion, und die Linderung hielt bis zu 12 Wochen an. Eine aktuelle Literaturübersicht kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass eine Ketaminbehandlung bei Menschen mit neuropathischen Schmerzen eine Schmerzlinderung von mehr als 30 Tagen bewirken könnte, wobei bestimmte Formen neuropathischer Schmerzen (etwa das komplexe regionale Schmerzsyndrom ) nach derzeitigem Stand besser ansprechen könnten als andere.
Ketamin und psychische Gesundheit
Über seine schmerzlindernden Eigenschaften hinaus hat sich Ketamin auch bei der Behandlung der psychischen Folgen chronischer Schmerzen als vielversprechend erwiesen. Psychische Erkrankungen wie Depression und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) treten häufig gemeinsam mit chronischen Schmerzen auf. Eine Studie von Keizer und Kollegen hob die Komorbidität von PTBS und chronischen Schmerzen hervor und unterstrich, wie wichtig es ist, sowohl die körperlichen als auch die emotionalen Aspekte dieser Erkrankungen zu behandeln. Es ist daher wahrscheinlich, dass sich die therapeutische und schmerzlindernde Wirkung von Ketamin durch eine ketamingestützte Psychotherapie (KAP) verstärken lässt, die in einem überwachten Setting erfolgt und mit psychologischer Unterstützung kombiniert wird.
Psychedelika und neuropathische Schmerzen: die Evidenz
Neben Ketamin untersuchen Forschende auch das Potenzial von Psychedelika bei der Behandlung chronischer und neuropathischer Schmerzen. Psychedelika wie Psilocybin, LSD und MDMA wurden lange stigmatisiert, weil sie als Substanzen der Liste I eingestuft sind, also als Stoffe mit hohem Missbrauchspotenzial und ohne anerkannten medizinischen Nutzen gelten. Die Evidenz deutet jedoch darauf hin, dass das Missbrauchspotenzial dieser Substanzen tatsächlich geringer ist (4), und neuere Studien legen nahe, dass Psychedelika neuartige Mechanismen der Schmerzlinderung bieten könnten.
Obwohl die Forschung noch am Anfang steht, gibt es Hinweise darauf, dass Psychedelika bei verschiedenen Schmerzarten einen analgetischen (schmerzlindernden) Nutzen haben können, etwa bei Clusterkopfschmerzen, tumorbedingten Schmerzen und Schmerzen in den Gliedmaßen. So hat beispielsweise eine Arbeit von Castellanos die verfügbare Evidenz zur psychedelischen Therapie ausgewertet und ihr Potenzial hervorgehoben, die Schmerzempfindlichkeit bei diesen Erkrankungen zu verringern. Zudem wurde gezeigt, dass Psychedelika psychiatrische Erkrankungen wie Depression und PTBS, die chronische Schmerzen häufig begleiten, deutlich verbessern.
Fazit
Die ketamingestützte Psychotherapie hat sich als wirkungsvolle Behandlungsoption bei chronischen neuropathischen Schmerzen etabliert und gibt Patientinnen und Patienten Hoffnung, die herkömmliche Therapien bereits ausgeschöpft haben. Ihre Fähigkeit, NMDA-Rezeptoren zu modulieren, ermöglicht eine deutliche Schmerzlinderung, während ihr Potenzial, auch die psychische Gesundheit zu verbessern, sie zusätzlich attraktiv macht. Darüber hinaus können ihre psychedelischen Wirkungen bei angemessener therapeutischer Begleitung potenziell hilfreich sein, um psychische Probleme zu behandeln, die Schmerzen häufig verstärken.
Psychedelika sind zwar noch wenig erforscht, zeigen aber Potenzial bei der Behandlung chronischer Schmerzen, insbesondere in kontrollierten therapeutischen Settings. Wenn das Stigma, das diese Substanzen umgibt, nachlässt und weitere Studien durchgeführt werden, könnten sie Teil einer umfassenderen Strategie zur Schmerzlinderung und zur Unterstützung der psychischen Gesundheit werden.
Über den Schmerz an sich gibt es noch viel zu entdecken, denn neue und laufende Forschungsarbeiten bringen bislang unbekannte Aspekte ans Licht (etwa Geschlechterunterschiede in der Schmerzwahrnehmung). Es scheint jedoch klar, dass die psychedelische Medizin in Verbindung mit klaren Behandlungsleitlinien und angemessener psychologischer Unterstützung das Potenzial hat, das Leben von Menschen mit chronischen und neuropathischen Schmerzen zu verbessern.
Literatur
- Sigtermans, M. J., et al. (2009). Ketamine produces effective and long-term pain relief in patients with complex regional pain syndrome type 1. Pain, 145(3), 304-311. https://journals.lww.com/pain/abstract/2009/10000/ketamine_produces_effective_and_long_term_pain.10.aspx
- Guimarães Pereira JE, Ferreira Gomes Pereira L, Mercante Linhares R, Darcy Alves Bersot C, Aslanidis T, Ashmawi HA. Efficacy and Safety of Ketamine in the Treatment of Neuropathic Pain: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Journal of Pain Research. 2022 Apr;Volume 15:1011–37.
- Keizer, K., et al. (2020). Chronic pain and PTSD: A co-occurring burden. Journal of Pain Research, 13, 2567-2579.
- Johnson MW, Griffiths RR, Hendricks PS, Henningfield JE. The abuse potential of medical psilocybin according to the 8 factors of the Controlled Substances Act. Neuropharmacology [Internet]. 2018 Nov;142(142):143–66. Available from: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0028390818302296?via%3Dihub
- Castellanos, D. (2020). The emerging use of psychedelics in chronic pain management: A review of current literature. Journal of Psychedelic Studies, 4(2), 1-10.
- Niesters, M., Martini, C., & Dahan, A. (2013). Ketamine for chronic pain: Risks and benefits. British Journal of Clinical Pharmacology, 77(2), 357-367. https://bpspubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/bcp.12094
- Kooijman, M., et al. (2023). Psychedelics in pain research: Challenges and future perspectives. Journal of Psychopharmacology, 37(3), 250-262.
- Stratton H, Lee G, Mahdi Dolatyari, Ghetti A, Cotta T, Mitchell S, et al. Nociceptors are functionally male or female: from mouse to monkey to man. Brain. 2024 Jun 3.
Wenn Sie unter chronischen oder neuropathischen Schmerzen leiden, prüfen wir in der Clínica Synaptica in Barcelona (Spanien) gemeinsam mit Ihnen, ob eine ketamingestützte Behandlung für Sie geeignet sein kann. Mehr über unsere Behandlung chronischer Schmerzen.



